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Einführung in die Sudbury Valley School

original von Scott Gray ("introduction to SVS")
übersetzt von Martin Wilke

 

Ich arbeite für eine Schule, die sich Sudbury Valley nennt. Diese Schule läuft seit über 25 Jahren. Mehrere andere Schulen innerhalb und außerhalb des Landes sehen den Erfolg unserer Schule und übernehmen unser Schulmodell.

Die Schule nimmt jeden auf, der mindestens vier Jahre alt ist. Die Schule ist von der New England Association of Schools and Colleges anerkannt und darf High-School-Abschlüsse vergeben (später mehr dazu). Es ist eine Privatschule, die auf Schulgeld angewiesen ist. (Das Schulgeld beträgt weniger als die Hälfte der Kosten pro Schüler an einer örtlichen Staatsschule) Zuschüsse oder Staatsgelder lehnt die Schule ab. (Das geschätzte Einkommen 1993 beträgt 413 500 US$, wovon 410 000 US$ Schulgeld und der Rest Zinsen sind.) Studien über unsere Ex-Schüler zeigen, daß sie in jeder Hinsicht "erfolgreich" sind; die meisten haben ihre gewünschte Berufslaufbahn eingeschlagen oder sind aufs College gegangen; die meisten haben ein gutes Einkommen, und – was meiner Meinung nach die beste Definition von Erfolg ist – die meisten sind glückliche Menschen.

Die Anlage ist eine schöne viktorianische Villa auf einem 4 ha großen Gelände. Sie ist eingerichtet wie eine Wohnung, mit Couchen, bequemen Stühlen, Büchern überall (anstatt in einer Bibliothek versteckt), usw. Das Gelände ist sehr gut geeignet für Sport und Spiele. Die Schule verfügt über mehrere technische Hilfsmittel: ein Chemie- und Biolabor, eine Dunkelkammer, ein Klavier, eine Stereoanlage, einen Teich, der gut zum Angeln geeignet ist, mehrere Computer, usw.

Die (mindestens 4 Jahre alten) Schüler dürfen während des Tages tun, was sie wollen, solange sie dabei die Schulordnung einhalten (später mehr dazu). Das Schulgelände ist "offen" und man kann kommen und gehen, wie man Lust hat, ohne das mit einem Büro absprechen zu müssen oder ähnlichem Blödsinn. Niemand ist gezwungen, am Unterricht teilzunehmen, und tatsächlich: Unterrichtsstunden sind selten und haben wenig mit dem üblichen Verständnis von Schulunterricht zu tun. Es gibt keine Tests oder Zensuren irgendeiner Art. Schüler und Personal (Lehrer) sind in jeder Hinsicht gleichgestellt. Schüler und Personal reden sich mit dem Vornamen an, und die Beziehungen zwischen Schülern und Personal unterscheiden sich kaum von den Beziehungen der Schüler untereinander.

Die Schule wird demokratisch durch das School Meeting regiert. Das School Meeting findet wöchentlich statt und besteht aus den Schülern und dem Personal (jeder hat eine Stimme). Das School Meeting entscheidet alle bedeutenden Angelegenheiten: Es wählt aus seinen Reihen den Verwaltungsmenschen (ja, es wird kein Unterschied zwischen Schülern und Personal gemacht, was die Wählbarkeit für ein Amt angeht), es legt die Schulordnung fest (die von einem Justizkommittee durchgesetzt wird, siehe später), macht finanzielle Ausgaben, legt der School Assembly das Jahresbudget zur Genehmigung vor (siehe später), stellt Personal ein, entläßt es oder stellt es wieder ein (es gibt keine Beschäftigungsgarantie, jeder Mitarbeiter kann jedes Jahr wiedergewählt werden), usw.

Die School Assembly trifft sich einmal im Jahr, und besteht aus den Schülern, dem Personal und den Eltern der Schüler (da die meisten Eltern Schulgeld bezahlen, ist es nur als vernünftig anzusehen, ihnen etwas Mitspracherecht bei der Verwendung ihres Geldes zu geben). Die School Assembly muß das (vom School Meeting vorgelegte) Budget genehmigen. Dieses beinhaltet die Höhe des Schulgeldes, das Gehalt des Personals, usw. Außerdem stimmt die Assembly darüber ab, ob den Schülern, die dies wünschen, ein Schulabschluß gegeben wird. Die Assembly ist das Gremium, in dem die Politik der Schule gemacht wird.

Innerhalb der Schule werden die Regeln mit einem Justizsystem durchgesetzt, welches im Laufe der letzten 25 Jahren mehrere Male neudefiniert wurde. Seine gebräuchlichste Erscheinungsform hat mit dem Justizkommittee zu tun. Dieses besteht aus zwei Officern, die alle zwei Monate gewählt werden (bisher immer Schüler), fünf jeden Monat zufällig ausgewählten Schülern und einem "Lehrer", der nur für einen Tag ausgewählt wird. Das Justizkommittee untersucht Beschwerden über Verletzungen von Schulregeln und spricht manchmal Strafen aus. Wenn das Justizkommittee jemanden für schuldig hält und er oder sie sich unschuldig bekennt, gibt es eine Verhandlung. Wenn sich eine Person schuldig bekennt oder nach der Verhandlung schuldig gesprochen wurde, wird der Beschuldigte vom Justizkommittee verurteilt. Urteile, die von dem Beklagten (oder anderen) als unfair empfunden werden, können beim School Meeting eingebracht werden.

Alle Mitglieder des School Meetings sind vor dem Gesetz gleich. Und tatsächlich war der erste Schuldspruch gegen "Lehrer" gerichtet. Typische Urteile sind Sachen wie "für zwei Tage nicht nach draußen gehen dürfen", "für eine Woche nicht in die obere Etage gehen dürfen", usw.

Demokratie allein ist aber nicht genug, um eine stabile glückliche Gemeinschaft zu erschaffen. Die revolutionsgeplagten demokratischen Stadtstaaten des Alten Griechenlands sind ein Beweis dafür. Es ist ebenso wichtig, daß persönliche Freiheiten und Rechte respektiert werden. Als solche sichert die Schule ihren Schülern die Freiheiten zu, die in der Bill of Rights garantiert werden; normalerweise wird Schülern in der amerikanischen Gesellschaft nicht die Gedanken- oder Religionsfreiheit zugestanden (ein Elternteil kann sein Kind in die "Sonntagsschule" zwingen), die Versammlungsfreiheit (in traditionellen Schulen wird ihnen nicht einmal erlaubt, ohne Erlaubnis des Lehrers, ihren Platz zu verlassen, um aufs Klo zu gehen), usw.

Der "Zweck" der Schule wird darin verstanden, Kinder zu bilden. Laß mich also die Gründe ausführen, warum wir glauben, daß Freiheit und Demokratie für Kinder die beste Umgebung zum Lernen sind.

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