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Kinderrechte und Gesellschaftsveränderung
Wenn man als Kinderrechtler so radikale Forderungen wie jene nach einem Wahlrecht ohne Altersgrenze oder jene nach Überwindung der Schulpflicht und Einrichtung Demokratischer Schulen erhebt, stößt man damit bei Organisationen und Einzelpersonen, die sich explizit als politisch links verstehen, weit häufiger auf positive Resonanz als bei eher bürgerlich-konservativen.
Problematisch wird es dann, wenn sie kinderrechtliche Forderungen v.a. deshalb unterstützen, weil sie sie als Mittel in ihrem Engagement für grundlegende Gesellschaftsveränderung betrachten, etwa in der Erwartung, dass selbstbestimmter aufgewachsene Jugendliche dann auch ihre gesellschaftspolitischen Ziele unterstützen würden.
Ich lehne es jedoch ab, Kinder (und ihre Rechte) für politische oder gesellschaftliche Ziele zu instrumentalisieren. Die Freiheit von Kindern und Jugendlichen ist ein Wert an sich. Sie wird zwar durchaus Auswirkungen auf die Gesellschaft haben, aber diese sind nicht der Zweck. Aus einer bestimmten gesellschaftspolitischen Perspektive kann man diese Auswirkungen als positive Nebenwirkungen ausdrücklich begrüßen. Und sofern man sich für Selbstbestimmung, Demokratie, Gewaltfreiheit etc. einsetzt, kann man auch damit argumentieren, dass diese Ziele mit der Verwirklichung von Kinderrechten besser erreicht werden können oder ohne Kinderrechte gar nicht konsequent zuende gedacht sind.
Aber ich würde für Gleichberechtigung der Kinder auch eintreten, wenn sie über das konkrete Leben der Kinder (in ihrer Gegenwart) hinaus keine weitere Folgen hätten. Selbst wenn sie anderen wünschenswerten Zielen entgegenwirken sollten, würde ich sie – ggf. in Abwägung mit jenen anderen Zielen – verteidigen.
Ich will, dass die Rechte der Kinder als eigenständiger Wert anerkannt werden. Ebenso wie ich es ablehne, Kinder für die Durchsetzung autoritärer Ideale zu instrumentalisieren, lehne ich es ab, sie für freiheitliche Ziele zu instrumentalisieren – nicht weil ich gegen oder für bestimmte Ideale bin, sondern weil ich solche Instrumentalisierungen ablehnen.
Beispielsweise sehe ich Demokratische Schulen nicht als „Demokratie-Erziehung“ zur Schaffung künftiger Demokraten, sondern ich unterstützte sie, weil Demokratische Schulen ein gutes und faires Konzept für die Gegenwart der Kinder darstellen – egal, ob die Kinder später mal gute Demokraten werden. Andererseits ist Demokratie erst verwirklicht, wenn sie auch für Kinder gilt.
Kritiker des Kapitalismus beklagen oft, dass Schule und andere Lebensbereiche zunehmend auf eine Verwertbarkeit des Menschen für den kapitalistischen Arbeitsmarkt ausgerichtet seien, dass die freie Entfaltung des Menschen zunehmend solchen Nützlichkeitserwägungen untergeordnet wird.
Wer nun seine Haltung zu Kinderrechten und Demokratischen Schulen davon abhängig macht, ob sie dem Kampf für sonstige gesellschaftspolitische Ziele dienlich sind, handelt ebenso nach Verwertbarkeitskriterien. Es geht dann nicht mehr um den Eigenwert Demokratischer Schulen und eines freien Aufwachsens, sondern v.a. um ihre Verwertbarkeit für antikapitalistische oder anderweitig gesellschaftsverändernde Vorhaben.
Der Streit etwa gegen autoritäre Innenpolitik, gegen Atomkraft oder für ein anderes Wirtschaftssystem mag ja sinnvoll sein, aber er muss unabhängig von der Frage der Rechte der Kinder geführt werden. Das sind einfach unterschiedliche Baustellen.
Kinder und Jugendliche sollen frei aufwachsen und sich eine eigene Meinung bilden. Wer von der Überlegenheit der eigenen politischen Meinung überzeugt ist, müsste darauf vertrauen können, dass frei aufgewachsene Kinder in einer offenen Diskussion zum gleichen Ergebnis kommen.
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