Kritik am Konsensprinzip

Vorbemerkung: Auf einem Vorbereitungstreffen zur KRÄTZÄ-Fahrt nach Nicaragua im Jahr 1996 habe ich das Konsensprinzip zum ersten Mal näher kennengelernt und hielt es zunächst auch für eine gute Entscheidungsfindungsmethode. Später wurde ich jedoch zunehmend unzufrieden damit, weil ich das Gefühl hatte, daß viele Dinge gar nicht mehr entschieden wurden, da keine Einigung in Sicht war. Um so entschlossener wandte ich mich dem demokratischen Mehrheitsprinzip zu.

Nachdem ich 1999 „Lernen in Freiheit – Ideen für ein freiheitlich-demokratisches Bildungssystem“ geschrieben und einige erste Texte über die Sudbury Valley School übersetzt hatte, kamen – dadurch inspiriert – Ende 1999 / Anfang 2000 zwei oder drei Leute, die das „GleichheitZeichen – Streitschrift für Gleichberechtigung“ herausgegeben hatten, auf die Idee, in Berlin eine neue Freie Schule zu gründen, die den Schülern umfassende Lernfreiheit garantieren sollte. Nach dem ca. zweiten gemeinsamen Treffen erstellte einer von ihnen ein kurzen Text mit Grundsätzen für die Schule. Darin enthalten war, daß Entscheidungen in der Schule nach dem Konsensprinzip gefällt werden sollten. Da mir die Demokratie in der Schule sehr wichtig ist und wir zu dritt oder viert über diesen Punkt keinen Konsens erreichen konnten ;-) , sammelte ich das ganze Wochenende über Argumente für das Demokratieprinzip. So entstand diese Zusammenstellungen von Zitaten zum Konsensprinzip.

Martin Wilke

P.S.: Eine der Schulgründungswilligen nahm daraufhin Abstand vom Konsens, der verbliebene Konsensbefürworter nahm hingegen Abstand von der sich dann herausbildenden Gründungsgruppe für eine konsequent freie und demokratische Schule (GfdS), inzwischen Sudbury-Schule Berlin-Brandenburg e.V..



Ich habe mich am Wochenende noch mal intensiv mit der Thematik des Konsensprinzips befaßt und nach Erfahrungen umgehört. Mir ist z.B. noch eingefallen, daß das Konsensprinzip eigentlich etwas hochgradig konservatives hat, da Veränderungen wesentlich schwieriger werden. Angenommen, 20 Leute treffen im Konsens eine bestimmte Entscheidung, leben eine Weile damit, und dann bemerkt einer nach dem anderen, daß diese Entscheidung z.B. eine bestimmte Person ständig bevorteilt. Also kommt man auf die Idee, die alte Entscheidung aufzuheben und eine neue zu treffen. Das Problem ist aber, daß dann auch diese Entscheidung nur im Konsens getroffen werden kann. Die bevorteilte Person kann sich ganz bequem zurücklegen und sagen: Meine Zustimmung kriegt ihr nicht. Und solange sie nicht zustimmt, gilt der neue Vorschlag nicht. Die Person kann vollkommen ohne Aufwand eine Entscheidung blockieren, die von 95% getragen wird. Ist das nicht zum verzweifeln?

Ich glaube, daß bei der Verwendung des Konsensverfahrens bei einer Reihe von Entscheidungen entweder bloß ein Minimalkonsens herauskommt, bei dem viele wichtige Einzelfragen, in denen es Meinungsverschiedenheiten gibt, ungeklärt bleiben, oder ein Kompromiß, der – statt alle glücklich zu machen – alle unglücklich macht.

Ich hatte Eure Bedenken gegen die Mehrheitsentscheidung so verstanden, daß a) diejenigen, die sich in der Minderheit befinden, unterdrückt werden können und b) Diskussionen abgebrochen und sofort abgestimmt werden würde, sobald die Mehrheit für einen Vorschlag gesichert ist.

Ich habe in der Discuss-Sudbury-Model-Mailingliste mal rumgefragt, welche Erfahrungen an Sudbury-Schulen gemacht wurden.

Martin Wilke


Ich habe sowohl an nach dem Konsensprinzip als auch an nach Robert’s Rules geleiteten Treffen teilgenommen. Konsens ist sehr nötigend. Ein Konsens-Treffen sagt praktisch: „Wir werden mit diesem Treffen nicht fertig, bis du dem zustimmst, was die Mehrheit will.“ Ich habe mich genötigt gefühlt, mehr als eine Gruppe zu verlassen, weil ich mich unwohl fühlte und mir das Gefühl gegeben wurde, unerwünscht zu sein, als ich es ablehnte, Dingen zuzustimmen, die ich für falsch hielt. In einer gewöhnlichen, nach parlamentarischen Regeln ablaufenden Versammlung, wird mir nie das Recht verweigert, meine Abneigung zum Ausdruck zu bringen, meine Meinung, daß die Mehrheit unrecht hat, beizubehalten und mich dennoch dem Mehrheitswillen unterzuordnen. Als ständiger Angehöriger der Minderheit in vielen Versammlungen kann ich die immanente Respektlosigkeit gegenüber meiner Individualität, die von Treffen des Konsens-Typs herrührt, nicht tolerieren.

Das grundlegendste Recht jeder Minderheit ist das Recht, dabeizusein und zuzusehen und die Mehrheit machen zu lassen, was sie will, ohne sich jemals von ihrer eigenen Überzeugung zu trennen, daß die Mehrheit unrecht hat.

Konsens entspricht der Herrschaft durch die Hartnäckigen, und ermuntert die Leute dazu, Dingen sofort zuzustimmen, ohne vorher darüber nachzudenken.

Was das Abbrechen von Diskussionen, sobald klar ist, daß ein Antrag die Mehrheit kriegen wird, angeht, empfehle ich Deinen Kollegen, tatsächlich einmal Robert’s Rules zu lesen – die Rechte der Minderheit, angehört zu werden, werden sehr ernst genommen (viel stärker als bei irgend einem der Konsens-Treffen, an denen ich teilgenommen habe). Siehe http://www.sudval.org/~sdg/rror

Scott David Gray

SVS-Mitarbeiter

Sonntag, 23. Januar 2000


Oft fragen mich Leute, warum ich Robert’s Rules of Order anderen parlamentarischen Systemen vorziehe. Besonders von Leuten, die Treffen des „Konsens“-Typs befürworten, die meinen, daß Robert’s Rules entworfen wurden, um Anwälten und Parlamentariern dabei zu helfen, andere zum Schweigen zu bringen, werde ich ständig verbal angegriffen.

Mit Robert’s Rules erhebt die Gruppe nicht den Anspruch, daß sie über dem einzelnen steht. Indem sie Robert’s Rules verwendet, erkennt die Gruppe an, daß sie manchmal Entscheidungen treffen muß, mit denen nicht alle Leute einverstanden sind. Robert’s Rules zeigt grundsätzlichen Respekt für jeden Standpunkt, und ist dennoch effizient. Unter Robert’s Rules, wird den Leuten, die anderer Meinung als die Mehrheit sind, jede Möglichkeit gegeben, aufzuzeigen, daß sich die Mehrheit irrt (und oft tun sie das auch). Der Zweck des Treffens besteht für jene mit der Minderheitsmeinung darin, Löcher in die Mehrheitsmeinung zu bohren. Es bestehen zum Beispiel zahlreiche Schutzvorrichtungen für die Minderheit – nicht zu letzt auch die Garantie, daß, wenn sie schließlich über eine Beschlußvorlage abstimmen, sie ihre von der Mehrheit abweichende Meinung vermerken lassen können.

In einem Konsens-Treffen wird angenommen, daß die Mehrheit am Anfang jeder Debatte recht hat; und das „Ziel“ besteht darin, die Minderheit davon zu überzeugen, damit einverstanden zu sein – oft durch Drohung, durch Verweigerung von Redezeit und durch Kopfschütteln. Jene, die Konsens befürworten, glauben nicht, daß man jemals seine Meinung auf Grund der Argumente der anderen ändert – und glauben deshalb, daß das beste, auf das man hoffen kann, ein Kompromiß ist, der sich als Einstimmigkeit tarnt. Die Konsens-Idee ist, daß die Minderheit in der Lage sein sollte, von der Mehrheit Teile ihrer Vorstellungen zu erpressen, bevor sie gezwungen wird, „zuzustimmen“.

Kann jemand Robert’s Rules „benutzen“, einen anderen zum Schweigen zu bringen? Sicher, aber seine/ihre Waffen sind weit weniger wirkungsvoll als die in einem Konsens-Treffen. Das ist deshalb so, weil es ein Paket einfacher Regeln gibt: Das Präsidium ist verpflichtet, mitzuteilen, was jeder einzelne Antrag bzw. Beschluß bedeutet. In einem Konsens-Treffen, in dem die Rolle des „Facilitators“ darin besteht, der Gruppe zu helfen, zu einer Vereinbarung zu kommen, ist der Facilitator faktisch von Natur aus gegen die Minderheit eingestellt (weil die Minderheiten-Position einen Keil zwischen die Leute in der Gruppe treibt).

Die Realität ist, daß bisher kein parlamentarisches System entwickelt wurde, das weiter als Robert’s Rules in die Richtung geht, die Rechte der Minderheit zu schützen. Ich bin Mitglied in mehreren Konsens-Gruppen gewesen, und ich bin überzeugt, daß Konsens mehr tut, um die Minderheiten-Ansichten zu untergraben, als irgendetwas anderes. Wenn ich bei einem Konsens-Treffen in der Minderheit war, gab es Leute, die ihre Augen verdrehten und mich mit Verachtung behandelten, weil ich mich weigerte, einer Sache zuzustimmen, an die ich nicht glaube; in einem Treffen nach Robert’s Rules werde ich bis zu Ende angehört, und ich habe jede Möglichkeit, meine Standpunkte darzulegen, und mein Widerspruch wird dann vermerkt. Die Person mit der Minderheiten-Meinung wird in einem Konsens-Treffen wie ein Schuft behandelt – der, der das Treffen in die Länge zieht, nur um das unvermeidliche hinauszuschieben. In einem nach Robert’s Rules geleiteten Meeting, in dem die Minderheiten-Meinung nicht „bedrohlich“ für jene ist, die möglichst schnell nach Hause kommen wollen (wir alle wissen, daß das in jedem beliebigen Treffen die meisten Leute sind), sind die Leute geneigt, den Mitgliedern der Minderheit dafür zu danken, daß sie versuchen einige/alle Schwachstellen an der Mehrheitsposition aufzuzeigen, bevor die Gruppe ihre Entscheidung trifft, und einem gesprächigen Mitglied der Minderheit wird immer dafür gedankt, daß es die Debatte bereichert.

Ich lade alle Leute ein, Robert’s Rules of Order selbst zu lesen – http://www.sudval.org/~sdg/rror [dort nicht mehr vorhanden, siehe z.B. http://unseelie.org/rror/]

Scott David Gray

SVS-Mitarbeiter

Montag, 21. Juni 1999


Konsens klingt immer freundlich, oder? Ich persönlich finde, daß Konsens eine sehr subtile, heimtückische Form der Nötigung ist. Kinder sind oft unterschiedlicher Meinung – manchmal aus persönlichen, manchmal aus prinzipiellen Gründen ... Ich möchte, daß ein Kind die Freiheit hat, anderer Meinung zu sein.

In jeder demokratischen Organisation kann die ungehinderte Mehrheitsentscheidung eine große Schwäche sein. Gute Organisationsstruktur heißt, die Rechte der Leute, die sich in der Minderheit wiederfinden könnten, sicherzustellen. Solche Rechte können durch die Charta oder die Satzung der Schule geschützt werden. Die Entwicklung eines Konsenses kann ganz genauso unfair wie Mehrheitsentscheidung sein.

Joe Roach

The New School, Newark, Delaware

Sonntag, 23. Januar 2000


Ich möchte Joe Roachs Worte darüber, daß Konsens nötigend ist, unterstützen. Ich fühle mich sehr unwohl bei dem Gedanken, daß man versucht, die ganze Gruppe dazu zu bringen, auf die selbe Weise denken. Warum sollen wir alle immer einer Meinung sein? Was ist mit der Wertschätzung von Verschiedenheit? Es ist eine großartige Sache, wenn Leute verschiedener Meinung sind und doch zusammenarbeiten können – das ist eine wirklich starke Gemeinschaft.

Meiner Erfahrung als Mitarbeiterin an einer Schule des SVS-Typs nach werden Diskussionen selten – wenn überhaupt – abgebrochen, sobald klar ist, welchen Weg die Mehrheit geht, und in keinem Fall wurde die Minderheit jemals ignoriert. Jeder wollte sich einbringen, und wurde ermutigt, es zu tun. Genau gesagt kamen einige unserer längsten und hitzigsten Diskussionen zustande, wenn die Minderheit das Blatt wenden und die Mehrheit erlangen wollte (so z.B. als die Schüler entschieden, daß die Mitarbeiter alle Reinigungsarbeiten erledigen sollten ...).

Erinnere jene, die dir erzählen, daß man immer außerhalb des Konsenses stehen kann, und somit die Freiheit habe, nicht mir der ganzen Gruppe übereinzustimmen, an die Bedeutung des Wortes „Konsens“ und die wirklichen Prinzipien, die dahinter stehen – die Idee, daß jeder zustimmen soll. Wenn es vollkommen in Ordnung ist, daß Leute außerhalb stehen (und denke über diese Terminologie ebenfalls nach – wenn du nicht zustimmst, kannst du rausgehen?), warum ist es dann nicht in Ordnung, daß Leute ihre andere Meinung in einem Forum, das sie anerkennt, vermerken?

Cary Brown

Mitarbeiterin an einer Sudbury School

Sonntag, 23. Januar 2000


Die Tatsache, daß sich drei Leute nicht darüber einigen können, ob die Schule nach dem Mehrheits- oder dem Konsensprinzip geleitet werden soll, ist wahrscheinlich ein gutes Argument dafür, sie nach dem Mehrheitsprinzip zu leiten.

David Schneider-Joseph

SVS-Schüler

Sonntag, 23. Januar 2000


Ich stimme den Aussagen, die zur Unterstützung von Demokratie gemacht wurden, zu und würde gern hinzufügen, daß buchstäblich Tausende von Entscheidungen getroffen werden müssen, um eine Sudbury-Modell-Schule zu eröffnen und am Laufen zu halten. Wir haben eine Menge Leute, die beinahe genauso hartnäckig und rechthaberisch wie ich sind. Wenn wir alle unsere Treffen durch Konsens leiten würden, hätten wir die Schule nicht eröffnet bekommen. Und wenn wir weniger hartnäckige und rechthaberische Leute gehabt hätten, hätten wir wahrscheinlich nicht mal versucht, eine Schule aufzumachen.

Joe Jackson

Mitbegründer der Fairhaven School

Sonntag, 23. Januar 2000


[Das in Times New Roman geschriebene ist die dazwischengeschriebene Antwort auf den Beitrag in Courier]

... Die Absicht ist es vielmehr, zu einer Entscheidung zu kommen, die die beste ist, die diese Gruppe erschaffen kann, und die jeder mitzutragen bereit ist.

Das ist auch die Absicht einer Gruppe, die nach Robert’s Rules funktioniert. Ich glaube, daß Robert’s Rules das aus einer Reihe von Gründen besser erreicht.

Ich möchte zwei wesentliche Unterschiede zwischen Entscheidungsfindung durch Konsens und Mehrheitsprinzip hervorheben. Der erste ist offensichtlicher: daß jedem einzelnen in der Gruppe Macht über die Entscheidung gegeben wird. Während es äußerst selten vorkommt, daß ein einzelner eine Entscheidung blockiert, besteht der Grundsatz des Systems darin, daß jedes Mitglied der Gruppe ein wesentlicher Teil des Gruppenprozesses ist und ihm in dieser Fähigkeit vertraut wird. Der zweite Unterschied wird, glaube ich, oft übersehen, und er ist es, der es schwierig macht, die zwei Systeme zu vergleichen. In der Konsens-Entscheidungsfindung besteht die Absicht darin, zur für alle Beteiligten besten Lösung zu kommen. Die Absicht ist nicht, sich eine von zwei Möglichkeiten auszusuchen bzw. Ja oder Nein zu sagen. Die Absicht besteht darin, einen Vorschlag zu untersuchen, alle Bedenken, die die Mitglieder bezüglich des Fortfahrens verunsichern würden, herauszufinden und sie dann zu untersuchen. Statt daß eine Mehrheit einen Vorschlag überstimmt, werden jene, die mit diesem Vorschlag nicht einverstanden sind, erklären, was sie daran falsch finden. Oder, statt daß eine Minderheit gegen einen Vorschlag ist, aber überstimmt wird, sind jene wenigen in der Lage, ihre Bedenken zum Ausdruck zu bringen. Dies eröffnet die Möglichkeit für einen Gruppendialog, der vielleicht die Meinung einiger Mitglieder ändert. Wichtiger noch ist, daß es zu einer Verbesserung des Vorschlags führen kann, der die Bedenken eines Teils der Mitglieder beilegt, und vielleicht die Entscheidung ermöglicht, voranzukommen. Konsens hat mehr mit einer Bemühung der Gruppe, gute Entscheidungen zu treffen, zu tun als mit der Äußerung von Meinungen und Entscheidungen. In Mehrheits-Abstimmungen hat man eine Gelegenheit, seine Meinung zu äußern, aber nicht mehr.

Ja, Entscheidungsfindung durch ein traditionelles parlamentarisches Verfahren ist ein „entgegensetzendes System“, in dem Leute für oder gegen einen Vorschlag argumentieren. Jedenfalls können Einzelpersonen konkrete Bedenken äußern – und Anträge stellen, um einen vorliegenden Antrag so zu ergänzen oder zu ändern, daß er auf die Bedenken eingeht. Wenn das Treffen durch Konsens geleitet wird, wie du es beschreibst, und eine Person, die für den Hauptantrag ist, das Gefühl hat, daß die Ergänzung ihn neutralisieren würde, ist sie angeschmiert – wohingegen in einem parlamentarischen System jedermann die Gruppe als Ganzes darum bitten kann, jeden beliebigen Vorschlag zu bedenken, unbelastet durch eine Verschiebung in Richtung des kleinsten gemeinsamen Nenners (indem man Ergänzungen macht oder verspricht, einen neuen Antrag mit bestimmten anderen Merkmalen zu stellen).

Es gibt einen Grund dafür, daß ein entgegensetzendes System besser ist. In erster Linie ist es die Tatsache, daß Leute bezüglich ihrer grundsätzlichen Interessen manchmal wirklich gespalten sind. Zu behaupten, daß sie alle die gleichen Ziele hätten, ist eine Beleidigung gegenüber jenen, die nicht die Ziele der Mehrheit teilen.

Natürlich gibt es keine Garantie, daß solch eine Diskussion und Verbesserung sicherstellt, daß am Ende jeder den Vorschlag gut findet. Konsens läßt verschiedene Mittel zu, damit umzugehen. Beiseitestehen ist die Möglichkeit des einzelnen, seine Mißbilligung der Entscheidung zum Ausdruck zu bringen. Wenn eine Person beiseitesteht, zeigt sie nicht nur, daß sie nicht zustimmt, sondern auch daß sie nicht vorhat, an der Umsetzung der Entscheidung teilzunehmen. Es ist ein Zeichen des

Warum die Sache nicht beim Namen nennen, und es „dagegen sein“ nennen? Ich persönlich finde es wertvoll, daß meine Ablehnung schriftlich festgehalten wird, wenn ich in der Minderheit bin. Auch von einem rechtlichen Standpunkt aus ist eine Organisation besser in der Lage, eine Entscheidung vor Gericht zu verteidigen, wenn gezeigt werden kann, daß es eine Debatte und einen aufrichtigen Versuch gab, die Probleme des Antrags in einer entgegensetzenden Form zu untersuchen.

Stell dir deine rechtliche Lage vor, wenn du vor Gericht geladen und gefragt wirst „Gab es irgendwelche Einwände gegen den Vorschlag?“ und du gezwungen bist zu antworten „Nein. Jene, die dagegen waren, standen beiseite und ließen es geschehen.“

Respekts vor den Werten einer Einzelperson, daß sie letztendlich die Option hat, nicht an einer Entscheidung teilzunehmen, mit der sie nicht einverstanden ist. Wie auch immer, wenn es in einer Gruppe mehrere Personen gibt, die beseitestehen, ist das ein Zeichen für die Gruppe und den Facilitator, daß die Entscheidung eine schwache ist, und sie entweder mehr diskutiert oder vielleicht fallengelassen werden sollte. Eine Entscheidung, die nicht die Unterstützung eines Konsenses der Gruppe sammeln kann, ist wahrscheinlich nicht die richtige für die Gruppe. Ein Mitglied hat auch die Macht, einer Entscheidung den Weg zu versperren, von der es das Gefühl hat, daß sie für die Gruppe nicht richtig, genau genommen sogar gefährlich für die Gruppe ist. Dies geschieht jedoch sehr selten. Um die Dinge zurück zu dem vorliegenden Thema zu bringen: Die Entscheidung einer Schule, ob sie Konsens benutzt, ist eine bedeutende. Was dafür spricht ist, daß es in einer nicht-nötigenden Umgebung keine passendere Methode als einen nicht-nötigenden Entscheidungsfindungsprozeß geben könnte. Ich verstehe zwar, daß einige Leute schlechte Erfahrungen mit dem Verfahren hatten, aber das heißt nicht, daß Konsens ein schlechtes System ist. Es bedeutet entweder, daß die Version des formalen Konsensverfahrens, die sie benutzt haben, nicht gut war, oder daß die Gruppe Probleme hat, mit denen sie sich befassen muß. Wenn Mitglieder der Gruppe nötigend sind, muß man für dieses Problem eine Lösung finden. Sicherlich könnte man in einer Mehrheitsabstimmungs-Umgebung diese nötigenden Mitglieder ignorieren, aber dadurch verschwindet der Streitpunkt nicht.

Wenn eine Person in einem parlamentarischen Treffen „ignoriert“ wird, kann sie sicherstellen, daß ihre Einwände gehört werden. Sie wird nicht in eine Lage gebracht, in der von ihr erwartet wird, eine Entscheidung mitzutragen, die im Namen des kleinsten gemeinsamen Nenners getroffen wurde.

„Beseitestehen“ ist ganz bestimmt keine geeignete Form, die man der Minderheit empfehlen könnte, wenn man wirklich will, daß diese Streitpunkte verschwinden. Wenn ich bei einem Streitpunkt, der von Bedeutung ist, beiseitestehe, ist es ein Zeichen, daß mir das Problem entweder nicht wichtig ist, oder daß ich mich von der Mehrheit angewidert fühle. Das führt dazu, daß diese Probleme gären, und der eine Ort, an dem diesen wirklichen entgegensetzenden und spaltenden Probleme in einer formalen und höflichen Weise gegenübergetreten werden kann, wird einem entzogen.

Konsens ist etwas für Gruppen, die daran interessiert sind, ihrer Gruppendynamik aufrichtig gegenüberzustehen. Meine Erfahrungen mit Konsens sind genau das Gegenteil gewesen, sie waren erfrischend und haben alle Mitglieder unterstützt und geachtet, besonders jene, die normalerweise in einer Abstimmungssituation wenig zu sagen oder zu tun hätten. Wir waren in der Lage, die Bedenken der Mitglieder anzuhören und bessere Entscheidungen zu treffen, die diese Bedenken berücksichtigten, statt sie zu ignorieren. Wenn Mitglieder über die Art verärgert waren, wie ein Teil des Verfahrens abgelaufen ist, sind wir ebenso in der Lage gewesen, diese Bedenken zu diskutieren und sie im Auge zu behalten, um sicherzugehen, daß die Gruppendynamik nicht zu schlechten Entscheidungen beiträgt. Am wichtigsten ist, daß, auch wenn eine Konsens-Entscheidungsfindung durchschnittlich länger dauert als eine Mehrheitsentscheidung, die getroffenen Entscheidungen welche sind, denen alle zugestimmt haben. Aus diesem Grund sind die Entscheidungen leichter umzusetzen, weil man nicht gegen die Trägheit einer Minderheit arbeitet, die diese Sache zuerst nicht tun wollte.

Natürlich sind sie leichter umzusetzen; einfach deshalb, weil die Minderheit entweder aufgegeben hat oder (und das ist schlimmer) weil sie erfolgreich einer Gehirnwäsche unterzogen wurde, so daß ihre Mitglieder glauben, es sei ihre Aufgabe als Individuen, den grundsätzlichen Zielen, auf die die Gruppe hinarbeiten sollte, zuzustimmen.

Die Minderheit, die an einem Vorschlag etwas grundsätzlich falsch findet (statt nur an den Details) wird in eine Lage gebracht, in der sie entweder versuchen müssen, Einzelheiten des Vorschlages zu ändern („Wie wäre es, wenn wir es stattdessen auf diese Weise tun“), oder „beseitestehen“ (ihre Stimme aufgeben).

Wie auch immer, Konsens ist nicht für jede Gruppe etwas. Wenn deine Gruppe kein gemeinsames Ziel und keine gemeinsamen Werte hat, wirst du nicht in der Lage sein, ein richtiges Konsens-Treffen abzuhalten. Eine Gruppe, die keine gemeinsame Grundlage für das Treffen von Entscheidungen hat, 

Das ist der entscheidende Punkt. Ein ordentliches parlamentarisches System wird nicht dazu eingerichtet, um sich mit den alltäglichen Anträgen, mit denen die Leute einverstanden sind, zu befassen. Es wird eingerichtet, um sich mit jenen Fällen zu befassen, in denen die Gruppe keine gemeinsame Absicht oder gemeinsame Werte hat. Das parlamentarische System erlaubt einer Person, sich frei zu fühlen zu sagen: „Meine Werte sind anders als deren.“ Noch einmal: Während Konsens die Mehrheit schützt, schützt ein parlamentarisches System die Minderheit.

wird nicht fähig sein, sich auf überhaupt etwas zu einigen. Andere wichtige Werte sind Respekt für alle Mitglieder der Gruppe, das Empfinden, daß alle gleichermaßen wertvoll sind, Ehrlichkeit, und der Glaube, daß die Ideen allen gemeinsam gehören - und nicht einem allein. Ich denke, es ist auch wichtig, daß die Gruppe etwas über die Grundlagen des Konsenses erfährt und nach einem formalen Verfahren vorgeht. Unformaler Konsens wird unzweifelhaft in die Richtung führen, auf die die vorangegangenen Nachrichten hinweisen – Nötigung durch die Hartnäckigen, Frust für alle. Für alle, die ein paar Informationen über das Thema suchen, empfehle ich das hier - http://www.ic.org/pnp/ocac/index.html

Ich habe es durchgesehen. Meine erste Reaktion darauf (auch wenn es eine sorgfältigere Untersuchung erfordert) ist, daß es von den Teilnehmern mehr „Expertenwissen“ als ein nach Robert’s Rules geleitetes Treffen erfordert.

Die Anleitung beschreibt lang und breit die Verpflichtungen der Mitglieder, und wie sie sich in der Debatte beteiligen sollen. Robert’s Rules ist hingegen auf solch eine Art geschrieben, daß nur ein paar Präsidiumsmitglieder (ein Vorsitzender, ein Schriftführer, ein Parlamentarier) die „Regeln“ kennen müssen, um loszuarbeiten. Der Grund dafür ist, daß die grundsätzliche Verantwortung des Präsidiums in einem nach Robert’s Rules geleiteten Treffen darin besteht, dafür sorgen zu helfen, daß, eine Einzelperson Unterstützung erhält, wenn sie eine Angelegenheit vor die Versammlung bringen will. Das bedeutet, daß ein Neuling bei einem nach dem Konsensprinzip geleiteten Treffen eine Menge mehr Hausaufgaben zu erledigen hat, bevor er/sie sich ohne Angst, von den Leuten, die schon „Experten im Konsenserreichen“ sind, beiseitegedrängt zu werden, beteiligen kann.

Ich bitte um Entschuldigung für die Länge. Ich wollte nicht zu viel von der Zeit der Liste in Anspruch nehmen, aber ich denke, es ist wichtig, daß jene, die keine Erfahrung mit Konsens haben, nicht ein einseitiges Bild von ihm bekommen. Wie auch immer, ich respektiere, daß es viele Entscheidungsfindungs-Verfahren gibt, mit verschiedenen Stärken, und daß jedes einfach ein Werkzeug in den Händen einer Gruppe mit guten Absichten ist.

Ich schätze, der grundsätzliche Unterschied zwischen unseren Positionen ist folgender: Ich glaube, daß Treffen wichtig sind, weil sie ein Ort sind, an dem wirkliche Unterschiede in einem höflichen Forum geäußert werden, und die Arbeit schnell erledigt wird. Jene, die Konsens bevorzugen, sehen als den Zweck eines Treffens nicht nur einen Ort für Entscheidungsfindung, sondern auch als eine Versammlung, die den Zweck hat, daß sich die ganze Gruppe als Gruppe gut fühlt – und das klingt für mich wie eine formale Art der Gehirnwäsche.

Frederic Douglas schrieb einmal: „Jene, die vorgeben, Freiheit zu bevorzugen, und doch Agitation verurteilen, sind Menschen, die Regen ohne Donner und Blitz wollen. Sie wollen den Ozean ohne das Brausen seiner vielen Wasser.“

Scott David Gray

SVS-Mitarbeiter

Sonntag, 23. Januar


Mythos: „In einer wirklich demokratischen Schule, in der alle Meinungen offen geäußert und diskutiert werden, werden Entscheidungen letztendlich durch Konsens getroffen.“

Antwort: Man fragt: „Ist es nicht ein Mangel eurer Schule, daß ihr oft tief gespalten seid und häufig zu Entscheidungen durch hart umkämpfte Abstimmungen gelangt?“ Diese Haltung spiegelt eine seit der Aufklärung beliebte Ansicht wider, nämlich, daß in einer Umgebung freien Ideenaustauschs Vernunft uns immer zur besten Lösung führen müßte. Auf die Schule bezogen, lautet das Argument dieser Kritiker folgendermaßen: „Wenn die Schule wirklich so demokratisch wäre, wie sie von sich behauptet, dann würden in allen Streitfragen die unterschiedlichen Meinungen gründlich, umfassend und sachlich diskutiert werden, und am Ende würde sich die Ansicht mit dem besten sachlichen Gehalt durchsetzen – im Konsens. Die Tatsache, daß die Schule oft beharrlich gespalten ist, und Entscheidungen mit einem knappen Votum entschieden werden müssen, zeigt, daß es irgend einen Defekt im demokratischen Prozeß gibt, so daß in der Schule nicht die Meinungen frei geäußert werden, sondern bloß ein Machtkampf zwischen Fraktionen stattfindet.“

Diese Haltung, auch wenn in sie einer Zeit von Konsens, Liebe, Begegnungsgruppen, Teamgeist usw. besonders populär ist, macht dennoch einen erheblichen Fehler in ihrer Grundannahme, sachliches Argumentieren würde zur besten Lösung für jedes Problem führen. In Wirklichkeit gibt es nur bei einer recht kleinen Zahl von – im wesentlichen technischen – Problemen genau eine beste Lösung. Die komplexeren Probleme des Alltagslebens haben einen Haufen Lösungen, von denen viele gleich gut geeignet sind und für die gleich gute Argumente sprechen. Persönlichkeiten von Redlichkeit, hoher Intelligenz und gesundem Verstand haben zu ein und der selben Fragestellung oft völlig gegensätzliche Auffassungen, welcher der Vorschläge umgesetzt werden sollte.

Das Kennzeichen der Demokratie ist ja gerade die Abwesenheit von Konsens. Die demokratische Verfahrensweise bedeutet, daß allen konkurrierenden Vorschlägen eine umfassende und gleichberechtigte Anhörung gegeben wird, und daß sie respektiert werden und fortbestehen dürfen, selbst wenn ihre Befürworter in der Minderheit sind. In einer Demokratie ist Konsens ein seltener und kurzlebiger Zufall, wie dieses Land in den 60er Jahren herausfand. Wiederholter Konsens ist immer ein Anzeichen mächtigen Gruppendrucks, der die eine andere Meinung vertretende Minderheit zwingt, ihre Position aufzugeben und sich der vorherrschenden Sicht anzuschließen.

Ich selbst bin immer sehr erleichtert, wenn eine heiß umstrittene Sache ins Plenum des School Meetings oder der Assembly kommt, weil ich schon in dem Vorhandensein solcher Fragen eine Bestätigung unserer Verwurzelung in den demokratischen Verfahrensweisen sehe.

Daniel Greenberg

in „Five Myths About Democracy“ aus „The Sudbury Valley School Experience“


Deshalb wird eine anarchistische Gesellschaft auf kooperativem Konflikt aufgebaut sein, da „Konflikt an sich nicht schädlich ist. ... Meinungsverschiedenheiten bestehen [und nicht versteckt werden sollten] ... Was Meinungsverschiedenheiten destruktiv macht, ist nicht die Tatsache des Konflikts an sich, sondern das Hinzufügen von Konkurrenz.“ [Alfie Kohn, No Contest: The Case Against Competition, S. 156] In der Tat, „eine starre Forderung nach Übereinstimmung bedeutet, daß die Leute wirksam davon abgehalten werden, ihre Weisheit zu den Bemühungen der Gruppe beizutragen.“ [ebd.] Es ist dieser Grund, warum die meisten Anarchisten Konsens-Entscheidungsfindung in großen Gruppen ablehnen (siehe Abschnitt A.2.12). (...)

A.2.12 Ist Konsens eine Alternative zu direkter Demokratie?

Die wenigen Anarchisten, die direkte Demokratie im Rahmen freier Vereinigungen ablehnen, unterstützen im allgemeinen Konsens bei der Entscheidungsfindung. Konsens ist darauf gegründet, daß jeder in der Gruppe einer Entscheidung zustimmt, bevor sie umgesetzt werden kann. Daher, so die Argumentation, hält Konsens die Mehrheit davon ab, über die Minderheit zu herrschen, und steht stärker in Übereinstimmung mit anarchistischen Prinzipien.

Auch wenn Konsens, sofern alle einer Meinung sind, die beste Möglichkeit in der Entscheidungsfindung ist, hat er seine Probleme. Wie Murray Bookchin in der Beschreibung seiner Konsens-Erfahrung zeigt, kann Konsens autoritäre Folgen haben, weil

„um in einer Gruppe vollen Konsens über eine Entscheidung zustandezubringen, wurden Angehörige der abweichenden Minderheit oftmals unterschwellig gedrängt oder psychologisch genötigt, davon Abstand zu nehmen, über einen schwerwiegenden Streitfall abzustimmen, da ihre Abweichung im Prinzip auf einen Ein-Mann-Veto hinauslaufen würde. Diese in amerikanischen Konsensverfahren „Beseitestehen“ genannte Praxis beinhaltete oft Einschüchterung der Andersdenkenden, was so weit ging, daß sich Leute aus den Entscheidungsfindungsprozessen völlig zurückzogen, statt – selbst als Minderheit – in Übereinstimmung mit ihren Ansichten fortwährend ihre abweichende Meinung ehrenhaft durch Abstimmen zum Ausdruck zu bringen. Nachdem sie sich zurückgezogen hatten, hörten sie auf, politische Wesen zu sein – so daß eine „Entscheidung“ getroffen werden konnte.

‘Konsens’ wurde letztendlich erst erreicht, als die Mitglieder, die eine andere Meinung hatten, ihren Status als Teilnehmer des Prozesses aufgaben.“

Auf einer theoretischeren Ebene brachte Konsens den lebendigsten Aspekt allen Dialogs zum Schweigen: Dissens. Der fortwährende Dissens, der leidenschaftliche Dialog, der immer noch weiterbesteht, selbst nachdem die Minderheit zeitweilig der Mehrheitsentscheidung nachgegeben hat, kann durch langweilige Monologe ersetzt werden – und durch den unwidersprochenen und abtötenden Klang des Konsenses. In der Mehrheits-Entscheidungsfindung kann die geschlagene Minderheit sich vornehmen, eine Entscheidung, in der sie geschlagen wurde, umzukippen – sie haben die Freiheit, offen und hartnäckigdurchdachte und potentiell überzeugende Gegenmeinungen zu äußern. Konsens erkennt hingegen keine Minderheiten an, sondern läßt sie zu Gunsten der metaphysischen „Einheit“ der ‘Konsens’-Gruppe verstummen“ [„Communalism: The Democratic Dimension of Anarchism“, Democracy and Nature, No. 8, S. 8].

Bookchin verneint nicht, „daß Konsens eine geeignete Form der Entscheidungsfindung in kleinen Gruppen, deren Mitglieder völlig vertraut miteinander sind, sein kann.“ Aber er merkt an, daß, praktisch gesehen, seine eigene Erfahrung ihm gezeigt hat, daß, „wenn größere Gruppen versuchen, Entscheidungen durch Konsens zu treffen, es sie gewöhnlich zwingt, bei ihrer Entscheidungsfindung am kleinsten gemeinsamen Nenner anzukommen: die am wenigsten kontroverse oder sogar die mittelmäßigste Entscheidung, die eine große Versammlung von Leuten erreichen kann, wird angenommen – genau deshalb, weil jeder damit einverstanden sein oder sich andernfalls der Abstimmung über das Thema enthalten muß“. [ebd., S. 7]

Aus diesem Grund, wegen seiner potentiell autoritären Natur, sind die meisten Anarchisten nicht der Meinung, daß Konsens der politische Aspekt freier Vereinigung ist. Während es vorteilhaft ist, zu versuchen, Konsens zu erreichen, ist es gewöhnlich unpraktisch, es zu tun – besonders in großen Gruppen – ungeachtet seiner anderen negativen Folgen. Oft läßt er eine freie Gesellschaft oder Vereinigung verkümmern, indem er dazu neigt, Individualität im Namen der Gemeinschaft und andere Meinungen im Namen von Solidarität zu untergraben. Weder wahre Gemeinschaft noch Solidarität werden gefördert, wenn die Entwicklung des Einzelnen und der Ausdruck seiner eigenen Persönlichkeit durch öffentliche Mißbilligung und Druck zum Scheitern gebracht werden. Da alle Individuen einzigartig sind, haben sie einzigartige Standpunkte, zu deren Äußerung sie ermutigt werden sollten, da sich die Gesellschaft durch die Handlungen und Ideen der einzelnen entwickelt, und bereichert wird.

Mit anderen Worten: Anarchistische Unterstützer direkter Demokratie betonen die „kreative Rolle des Dissenses“, die, wie sie fürchten, „in der vom Konsens benötigten grauen Einheitlichkeit zu verblassen droht.“ [ebd., S. 8]

Wir müssen betonen, daß Anarchisten nicht einen mechanischen Entscheidungsfindungsprozeß befürworten, in dem die Mehrheit einfach die Minderheit beiseite stimmt und ignoriert. Ganz und gar nicht! Anarchisten, die direkte Demokratie unterstützen, sehen sie als einen dynamischen Diskussionsprozeß, in dem Mehrheit und Minderheit einander so weit wie möglich zuhören und respektieren und zu einer Entscheidung kommen, mit der alle leben können (wenn möglich). Sie sehen den Prozeß der Mitbestimmung innerhalb direktdemokratischer Vereinigungen als das Mittel, um zu gemeinsamen Interessen zu kommen, als einen Prozeß, der zu Unterschiedlichkeit, individuellen und Minderheitenäußerungen ermutigt und jede Tendenz, daß Mehrheiten Minderheiten an den Rand drängen oder unterdrücken, vermindert, indem er sicherstellt, daß Diskussionen und Debatten über wichtige Probleme stattfinden.

Anarchismus FAQ


Weitere Überlegungen:

Erzwungener Konsens ist das Gegenteil von Meinungspluralität.

Konsensprinzip führt zur Abschottung der Gruppe, zumindest stärker als Mehrheitsentscheidung.

Fragen können nur im Konsensprinzip entschieden werden, wenn ein Konsens darüber besteht, daß sie im Konsens entschieden werden sollen. Wenn auch nur einer sagt, daß er gegen das Konsensverfahren ist, darf es nicht mehr angewendet werden. Ein Veto führt damit also zur Mehrheitsentscheidung.

Martin Wilke