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Lernen in Freiheit – Entwurf eines freiheitlich-demokratischen Bildungssystems


Grundüberlegung

Eine freiheitlich-demokratische, also eine auf den Prinzipien von Selbstbestimmung und Mitbestimmung aufbauende Gesellschaft muß logischerweise auch ihr Bildungssystem auf diese Grundlage stellen. Kinder und Jugendliche müssen folglich im Rahmen des organisatorisch Möglichen selbstbestimmt entscheiden dürfen, was sie lernen und wo, wann, wie und von wem sie es lernen.

 

Das derzeitige Schulsystem wird diesem freiheitlich-demokratischen Anspruch nicht gerecht.

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Bestandsaufnahme

Dem jetzigen Schulsystem liegt ein Menschenbild zugrunde, das davon ausgeht, daß Kinder und Jugendliche noch keine vollwertigen Menschen sind, daß sie unfähig seien, über ihr Leben selbst zu bestimmen und deshalb durch Zwang zu ihrem (angeblichen) Glück gebracht werden müßten. Es wird davon ausgegangen, daß junge Menschen ohne Zwang nicht – oder nur Unnützes – lernen würden und sich somit für immer ihre Zukunft verbauen oder gar zu asozialen oder kriminellen Wesen verkommen würden.

 

Entsprechend ist das jetzige Schulsystem von Fremdbestimmung und Bevormundung geprägt. Kinder und Jugendliche müssen zur Schule gehen, egal ob sie wollen oder nicht – es besteht Schulpflicht. Sie müssen das lernen, was andere für wichtig und richtig halten, unabhängig davon, ob sie sich dafür interessieren. Und tatsächlich interessiert sich ein Großteil der Schüler nicht für den ihnen vorgesetzten Unterricht. Das liegt wohl auch daran, daß die Inhalte mit ihrem jeweils aktuellen Leben wenig zu tun haben. Darüber hinaus müssen Schüler stillsitzen und den Mund halten, es sei denn, sie werden zum Reden aufgefordert. Und sie müssen von Menschen lernen, die sie vielleicht nicht mögen. Lernen heißt in deutschen Schulen meist nicht Begreifen und Erfahren, sondern zum großen Teil stur Auswendiglernen.

Schüler sind einer ständigen Bewertung ausgesetzt. Diese auf Zensuren basierende Bewertung entscheidet über die weiteren Bildungsmöglichkeiten und späteren Chancen der Schüler auf dem Arbeitsmarkt. Zensuren haben eine Auslesefunktion. „Gute Schüler“ gibt es im Zensurensystem nur, wenn es auch "schlechte" gibt. Wenn alle eine „1“ haben, ist sie nichts wert. Die Leistungskontrolle, Klassenarbeit oder Klausur war dann „zu leicht“. Der Lehrer muß also darauf achten, daß sich eine „Normalverteilung“ der Zensuren (einige gute, viele durchschnittliche, einige schlechte) einstellt, weil eine Selektion sonst nicht möglich ist.

Zensuren sind also für das gesamte spätere Leben der Schüler von Bedeutung. Gleichzeitig sind sie jedoch weit davon entfernt, objektiv zu sein. Da die Schüler auf möglichst gute Zensuren angewiesen sind, kann der Lehrer die Zensurengebung benutzen, um ihm unliebsame Schüler zu bestrafen und zur Unterordnung zu bewegen. Zensuren dienen also der Machterhaltung des Lehrers. Zensuren erzeugen Druck und machen vielen Schülern Angst. „Schlechte“ Schüler fühlen sich oft minderwertig. Zensuren und andere nicht vom Schüler angeforderte Bewertungen stehen einem selbstbestimmten Lernen im Weg.

Daß Schüler dem Lehrer ständig Sachen erzählen sollen, die dieser längst weiß, gehört auch zur absurden Schulrealität. Unterricht wird oftmals zu einer Art Profilierungsshow, bei der jeder Schüler zeigen soll, was er kann und daß er besser ist als alle anderen. Gegenseitige Hilfe unter Schülern ist im Unterricht daher vielfach unerwünscht, wenn nicht sogar verboten.

Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ist von einem großen Machtgefälle geprägt. Lehrer dürfen Befehle erteilen, und die Schüler müssen gehorchen. Möglichkeiten, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren, gibt es kaum. Mangels schulinterner Gewaltenteilung – Beschluß, Durchführung und Kontrolle liegen in einer Hand – bekommt der Lehrer (fast) immer recht. Eine auf Demokratie basierende Gestaltung des Zusammenlebens an der Schule, bei der jeder Schüler und jeder Lehrer eine Stimme hätte, findet naheliegenderweise auch nicht statt.

Wer nicht bereit ist, sich den undemokratischen Regeln der Schule zu unterwerfen, muß mit teilweise drastischen Konsequenzen rechnen. Tendenziell führen diese Maßnahmen nicht dazu, das von der Schule proklamierte Ziel zu erfüllen, nämlich selbstbestimmte, kreative, weltoffene, tolerante, friedliche und soziale Mitmenschen „heranzubilden“. Faktisches Ergebnis der heutigen Schulen ist statt dessen überwiegend der eher wenig an Gleichberechtigung interessierte Mensch, der vorgefundene Machtverhältnisse und Rollenverteilungen hinnimmt bzw. für sich ausnutzt, der sich also je nach Lebenssituation und Eigenwahrnehmung entweder demütig oder ängstlich fügt oder aber seine Interessen auf egoistische und wenig rücksichtsvolle Weise unter Zuhilfenahme seiner Ellenbogen mit Macht durchsetzt.

Die Schulen in Deutschland werden ihren Bildungsansprüchen nicht gerecht. In Wirtschaft und Gesellschaft herrscht deutliche Unzufriedenheit mit dem Können und Wissen der Schulabgänger. Auch nach jahrelangem Schulbesuch ist vermeintliches Grundwissen bei vielen Menschen nicht vorhanden – selbst wenn entsprechende Inhalte Gegenstand des Pflichtunterrichts waren. 10% der Schulabgänger erhalten keinen Schulabschluß – also nicht mal den Hauptschulabschluß. Bis zu 30% der Schüler nehmen Nachhilfe-Unterricht in Anspruch (Elternbefragung in Nordrhein-Westfalen, 2001). Die mehr als 15 000 000 €, die jede Woche in Deutschland für Nachhilfeunterricht ausgegeben werden, scheinen jedoch nicht dem tatsächlichen Bedarf zu entsprechen, da aus der oberen sozialen Schicht doppelt so viele Schüler Nachhilfe bekommen wie in der unteren (Hurrelmann/Klocke, 1994). Etwa 4 000 000 Menschen über 14 Jahren können nicht lesen und schreiben.

Die Schulgesetze der einzelnen Bundesländer lassen nur wenig Platz für Alternativen zu den traditionellen Staatsschulen. Nichtstaatliche Schulen sind an enge Vorgaben gebunden, die grundlegend andere Schulkonzepte kaum möglich machen. Ein Großteil der insgesamt ca. 40 Freien Alternativschulen, die zusammen nur etwas über 1000 Grundschüler umfassen, ist erst nach teils jahrelangem Rechtsstreit genehmigt worden. Auch nach der Genehmigung werden nichtstaatliche Schulen finanziell erheblich benachteiligt, so daß sie ohne Schulgeld nicht überleben können. Auf diese Weise hindert der Staat Kinder aus Familien mit geringem Einkommen tendenziell am Besuch von Schulen anderer Konzeptionen.

 

Im jetzigen Schulsystem kommen junge Menschen praktisch nicht als Subjekte vor, sondern nur als Objekte staatlichen Handelns. Menschenrechte wie physische Freiheit, Versammlungsfreiheit, Freizügigkeit, Recht auf freie Berufswahl, freie Teilnahme am kulturellen Leben, Religionsfreiheit, Schutz vor Eingriffen ins Privatleben und sogar Gedankenfreiheit werden nicht geachtet und für verzichtbar erklärt; sie passen nicht in das übliche Menschenbild, das Schule von jungen Menschen hat.

Schule ist derzeit ein Ort, an dem sich die meisten Kinder und Jugendlichen nicht wohlfühlen.

 

Viele Menschen glauben, daß das „leider so sein muß“. Diese Menschen meinen das größtenteils nicht böswillig, sondern können sich schlicht nicht vorstellen, wie es anders gehen könnte. „Lernen in Freiheit“ unternimmt den Versuch, ein mögliches Bildungssystem zu beschreiben, das den Ansprüchen von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gerecht wird.

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