Warum tragen die Stimmen verschiedener Wähler zur Wahl unterschiedlich vieler Kandidaten bei?

Da bei STV die Überschüsse gewählter Kandidaten übertragen werden, tragen manche Wähler mit ihrer Stimme letztendlich zur Wahl mehrerer Kandidaten bei, während andere nur zur Wahl eines Kandidaten beitragen. Manche Leute haben daher zuerst den Eindruck, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Ich möchte anhand einer Analogie verdeutlichen, warum an der Situation nichts anrüchiges ist.

Stellen wir uns eine Benefizveranstaltung vor, bei der es darum geht, Geld für verschiedene kleine Kulturprojekte zu sammeln. Jedes Projekt benötigt genau 1000 € für sein jeweiliges Vorhaben. An der Benefizveranstaltung nehmen 79 zahlende Gäste teil, und jeder Gast trägt durch seinen Eintritt genau 100 € bei. Insgesamt sind also 7900 € zu verteilen. Das heißt, 7 Projekte können jeweils die benötigten 1000 € erhalten. Da sich 15 Projekte beworben haben, reicht das Geld allerdings nicht für alle Projekte.
Jeder Gast darf selbst entscheiden, welchem Projekt sein Geld zu Gute kommt. Für ein Projekt müssen sich jeweils 10 zahlende Gäste zusammenfinden. Manche Projekte stoßen allerdings auf so großen Anklang, dass mehr als die nötigen 10 Gäste das Projekt mit ihrem Beitrag unterstützen wollen. Da jedes der Projekte aber genau 1000 € braucht, vereinbaren die Unterstützer dieser Projekte, daß jeder von seinen 100 € nur so viele beiträgt, wie nötig ist, damit die 1000 € zusammenkommen. Wenn sich für ein Projekt 30 Leute finden, dann braucht jeder nur 33,33 € zu zahlen, damit sie gemeinsam auf 1000 € kommen. Jeder dieser 30 Gäste hat also noch 66,67 € übrig, mit denen er weitere Projekte unterstützen kann, die ihre 1000 € noch nicht zusammenbekommen haben. Zusammen verfügen diese 30 Gäste noch über 2000 €, von denen sie noch zwei ganze Projekte finanzieren können - selbst wenn keiner der anderen 49 Teilnehmer der Benefizveranstaltung sich daran beteiligt. Also vielleicht tun sich 15 der 30 Leute zusammen, um mit jeweils 66,67 € gemeinsam ein weiteres Projekt zu finanzieren. Und die anderen 15 Leute finanzieren gemeinsam noch ein Projekt.

Ich denke, die Idee, ist damit klar geworden. Die Priorität der 30 Leute liegt darauf, ihr gemeinsames Lieblingsprojekt zu finanzieren. Aber weil sie so viele Leute sind, muss jeder nun einen kleineren Teil beitragen und kann mit dem übrigen Geld, mit dem das Lieblingsprojekt nichts weiter anfangen könnte, noch ein zweites und drittes Projekt unterstützen.

Beim Präferenzwahlverfahren der Übertragbaren Einzelstimmgebung (STV) ist es ganz ähnlich. Nur geht es hier um Wählerstimmen statt um Geld. Jeder Kandidat braucht eine bestimmte Menge Stimmen, um gewählt zu sein (die Quote). Mehr als diese Stimmenzahl kann er also nicht gebrauchen. Hat er trotzdem mehr Stimmen erhalten als er brauchte, so wird von jeder Wählerstimme nur so viel verbraucht, dass der Kandidat genau auf die Stimmenzahl kommt, die er benötigt. Der Rest der Stimme geht an den Zweitpräferierten jedes dieser Wähler, und vielleicht auch noch an den Dritt- oder Viertpräferierten.

Wenn in einem Wahlkreis 7 Mandate zu vergeben sind, dann beträgt die Droop-Quote (also die Stimmenzahl, um ein Mandat zu erhalten) ein Achtel der Stimmen, also 12,5%. Wenn sich z.B. 38% der Wähler zusammenfinden (beispielsweise die Anhänger einer größeren Partei), können sie gemeinsam 3 der 7 Kandidaten in diesem Wahlkreis wählen, weil sie zusammen dreimal so viele Stimmen haben, wie für die Wahl eines Kandidaten notwendig ist. Und es ist dabei unerheblich, wie sich die Stimmen zwischen diesen drei Kandidaten verteilen, solange die die Wähler die beiden anderen Kandidaten auf die Plätze 2 bzw. 3 setzen. Es könnte also sein, daß jeder der drei Kandidaten etwa 12 bis 13 Prozent der Stimmen hat. Dann hätte jeder von deren Wählern zur Wahl je eines Kandidaten beigetragen. Es könnte aber auch sein, dass ein Kandidat 24% der Erstpräferenzen hat, einer 13% und einer 1%. Der Kandidat mit den 24% Erstpräferenzen hätte einen erheblichen Überschuss, der dem Kandidaten mit den 1% Erstpräferenzen zugute käme, so dass dieser durch die Übertragung des Überschusses nun auch die Droop-Quote erreicht und somit gewählt ist. Die Wähler des 24%-Kandidaten haben somit ihren Lieblingskandidaten gewählt und mittels ihrer Zweit- oder Drittpräferenzen noch einen weiteren Kandidaten. Daran ist nichts verkehrt, denn sie sind zusammen ja auch mehr Wähler als für die Wahl nur eines Abgeordneten notwendig sind.

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