martin.wilke@gmx.net

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Fairhaven School

original "FAQs"

übersetzt von Martin Wilke

 

Was ist eine Sudbury School?

Sudbury Schools, das sind Schulen, die nach dem Vorbild der Sudbury Valley School arbeiten, die vor 31 Jahren in Framingham (Massachusetts, USA) gegründet wurde. In den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Dänemark, Israel und Australien gibt es insgesamt etwa 20 Schulen, die auf diesem Modell basieren. Dieses Modell ist auf zwei Grundsätzen gegründet: Lernfreiheit und Demokratie. An Sudbury Schools sind das nicht nur Phrasen, sondern Realität. Die Schüler entscheiden selbst, womit sie ihre Zeit verbringen. Und alle Entscheidungen, die die Schulgemeinschaft betreffen, werden von allen, die von der Entscheidung betroffen sind, durch Mehrheitsentscheidung getroffen.

Warum vollkommene Lernfreiheit?

Wenn Kinder auf die Welt kommen, haben sie die instinktive Fähigkeit und innere Motivation, mit Sachen und Ideen umzugehen und Beziehungen mit anderen Leuten einzugehen, um die Welt zu begreifen, in die sie hineingeboren wurden und einen sinnvollen Platz in ihr einzunehmen. Mit anderen Worten: alle Menschen werden als Schüler des Lebens geboren; zum Lernen müssen sie nicht gezwungen oder manipuliert werden. Sie brauchen auch keinen formalen Lehrplan, genauso wie Kleinkinder keinen formalen Plan brauchen, um sprechen zu lernen. Ihr Spiel, ihre Gespräche und ihr ganzes Leben sind sehr gut geeignet, ihnen die grundlegenden Fähigkeiten zu vermitteln, die sie in unserer komplexen, sich schnell verändernden Welt zum Überleben brauchen. Ihre Neugier und der Wunsch, erfolgreiche Erwachsene zu werden, sind für Schüler Motivation genug, jenen speziellen Fähigkeiten und Interessen aktiv nachzugehen, die Erfolg auf dem Arbeitsmarkt bzw. in weiterführenden Schulen mit sich bringen. Wir glauben, daß ein vorgefertigter Lehrplan dem eigenen Plan des Schülers in die Quere kommt. Dadurch, daß sie ihren eigenen Interessen nachgehen, sind die Schüler ständig mit Dingen beschäftigt, die als sie herausfordernd und anregend und deshalb im weitestens Sinne als "bildend" empfinden. Untersuchungen haben gezeigt, daß die Bestechung und Bestrafung die man braucht, um Leute dazu zu bringen, Sachen zu lernen, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben – daß diese Maßnahmen der inneren Motivation schaden und die Menschen davon abhalten, diese Sachen zu tun, sobald Belohnung oder Bestrafung nicht mehr in Aussicht stehen. Mit anderen Worten: Der vorbestimmte Lehrplan, die Unterorndung der Gruppe unter den Willen des Lehrers und die Noten zur Belohnung oder Bestrafung von Leistung, die man in der traditionellen Schulen vorfindet, wirken sich auf lange Sicht verheerend auf die natürliche eigene Fähigkeit und Motivation zu Lernen aus.

Mangelt es an einer demokratisch geführten Schule nicht an Struktur?

Überhaupt nicht. Demokratie ist auch in der Hand von jungen Menschen weder Anarchie noch Gewaltherrschaft wie in "Herr der Fliegen". Demokratie an der Fairhaven School beinhaltet ganz klare Regeln für Ordnung und Leitung der Schule. Das School Meeting trifft sich einmal in der Woche und stellt neue Regeln auf oder streicht bestehende, entscheidet, wie das Budget ausgegeben wird und stellt Lehrer ein bzw. entläßt sie. Jeder Schüler und jeder Lehrer hat die Möglichkeit, am Meeting teilzunehmen und die Leitlinien der Schule zu beeinflussen, indem er von der Kraft des Überzeugens und von der Macht seiner (Wahl-)Stimme gebraucht macht. Das Meeting funktioniert nach Robert’s Rules of Order. Die Schüler lernen, Anträge zu ändern, Gleichgesinnte hinter sich zu bringen und mit den Entscheidungen der Mehrheit zu leben. Mit anderen Worten: Die Schüler erfahren das wahre Leben in einer Demokratie, die sich widersprechenden Bedürfnisse der verschiedenen Interessengruppen, die Spannungen und das Gleichgewicht zwischen den Rechten des Einzelnen und den Bedürfnissen der Gemeinschaft sowie den unvermeidlichen Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung. Auch bei der Durchsetzung der Regeln gelten Demokratie und rechtsstaatliche Prinzipien. Schüler haben z.B. das Recht auf einen fairen Prozeß und das Recht, das Urteil anzufechten. Jeder ist verpflichtet, einen kleinen Teil des Jahres im Justizkomitee tätig zu sein. Der Prozeß kann manchmal zeitraubend und bürokratisch sein, wie in jeder Demokratie, aber letztendlich ist er der einzig logische Weg, eine Schule zu leiten, deren Ziel es ist, die Schüler auf das Leben in einer demokratischen Gesellschaft vorzubereiten.

Wie lernen die Schüler das "Grundwissen", das in anderen Schulen formal gelehrt wird?

Wir vertrauen darauf, daß die Schüler ein Bedürfnis – und damit auch einen inneren Grund – verspüren werden, die Fertigkeiten zu erlernen, die tatsächlich grundlegend sind, um in unserer Gesellschaft Erfolg zu haben. Jeder braucht Lese- und Schreibfertigkeiten, um einem Freund zu e-mailen oder die Anleitung eines neuen Gerätes zu lesen; oder Mathe, um ein Soda zu kaufen oder etwas zu bauen. Über dieses traditionelle "Grundwissen" hinaus gibt es eine Menge von Informationen, die im Leben nützlich sind. Warum Allergien die Menschen krank machen, wie Versicherungsanstalten funktionieren, was ein "Angeklagter" ist – das sind Beispiele von Dingen, die wir alle wahrscheinlich zu wissen gebrauchen können. Aber jeder aufmerksame Mensch wird solche grundlegenden Informationen sein ganzes Leben lang mitbekommen, durch Gespräche, Fernsehen, Lesen oder eigenes Erleben. Andererseits gibt es viele Dinge, die an gewöhnlichen Schulen gelehrt werden, wie z.B. daß John Adams unser zweiter Präsident war, die Luftströmungen über der Sahara oder die Anzahl der Abgeordneten im Congress, welche die Schüler, die ihr Leben an Fairhaven verbringen, entweder mitbekommen oder auch nicht. Wenn ein Schüler an den Einzelheiten eines Fachgebietes interessiert ist, sind die Möglichkeiten jedenfalls unbegrenzt. Die Schule hilft den Schülern, Zugang zu den Informationen bekommen. Dies geschieht durch unsere Biibliothek, durch das Internet, durch Exkursionen, Praktika und gelegentlich auch durch Unterricht oder Kurse, die von unseren Lehrern abgehalten werden oder von jemandem, der für diesen Zweck zeitweise angestellt wird.

Aber mein Kind ist nicht motiviert zu lernen. Wird es an der Fairhaven School nicht einfach seine Zeit verschwenden?

Es gibt viele Gründe für ein Kind, zeitweise seine natürliche Motivation zu lernen zu verlieren. Die Erfahrungen aus traditionellen Schulen können Schüler gelangweilt, rebellisch oder mit Angst zu versagen zurücklassen. Es kann sein, daß das Kind motiviert ist zu lernen, daß es aber einen anderen Plan verfolgt als den seiner Schule oder den seiner Eltern. Es kann fasziniert sein von Video-Spielen, Freundschaft und sozialen Kompetenzen, davon, Autofahren zu lernen, oder ein einzigartiges Mode-Image zu entwickeln. An der Fairhaven School werden alle Beschäftigungen geschätzt, nicht in dem Maße, wie sie in den Plan der Erwachsenen passen oder die Schüler direkt auf Berufsziele vorbereiten, sondern in dem Maße, in dem Schüler interessiert sind, ihnen nachzugehen. Interesse bedeutet, daß der Verstand beschäftigt ist, und die Schüler lernen notwendigerweise, sich zu konzentrieren, bei ihrer Tätigkeit zu bleiben und ihrer eigenen Fähigkeit zu lernen zu vertrauen.

Es ist gegen die Natur des Menschen, Eintönigkeit zu suchen. Niemand möchte gelangweilt sein. Jene Schüler, die verletzt, "ausgebrannt" und entschlossen, "nichts" zu tun, auf die Schule kommen, beginnen unvermeidlich – wenn auch manchmal sehr langsam – ihr Leben als ihr eigenes anzusehen und sie begeben sich auf eine starke persönliche Suche nach ihren eigenen Interessen. Jene, deren leidenschaftliche Interessen von anderen geringgeschätzt oder durch die Notwendigkeit, im traditionellen Unterricht erfolgreich zu sein, eingeschränkt wurden, spüren wie aufregend die Freiheit ist, seinen Leidenschaften an Fairhaven zu folgen. Kleine Kinder, die zu Hause vom Fernsehen und von Video-Spielen fasziniert sind, durchleben oft eine Phase, in der sie ganz in ihre Leidenschaft vertieft sind, nur um herauszufinden, daß die Welt außerhalb ihres spezifischen Interesses unwiderstehlich faszinierend und voll von Herausforderungen ist. Kinder, die Heimunterricht hatten, suchen oft erst die Versicherung durch Erwachsene, und begeben sich dann in soziale Interaktion, indem sie als Unabhängige bewußt ihre mangelnde Erfahrung auf dem Gebiet der Freundschaft, der Konflikte und der Kooperation ausgleichen.

Wenn Schüler gelangweilt sind, regt Ihr sie dann an, etwas zu tun zu finden?

Beinahe jeder erlebt Phasen von Langeweile an der Schule. Vor allem in den ersten Monaten des Besuchs durchleben Schüler, die gewohnt waren, daß andere bestimmen, wie sie ihren Tag verbringen, eine Phase, in der sie sich orientierungslos fühlen und manchmal die Hilfe von Erwachsenen suchen, um "etwas zu tun" zu finden. Mit Langeweile klarzukommen, ist eine der wichtigsten Sachen, die ein Schüler an Fairhaven tut. Und die Lehrer wollen nicht in die Quere kommen mit dieser für den Schüler sehr günstigen Gelegenheit, wirklich anzufangen, schwierige Fragen zu stellen wie: "Was ist mir wichtig?" "Was möchte ich machen?" "Wer bin ich eigentlich?" "Warum kann ich nichts finden, das mich interessiert?" "Was muß ich tun, damit das und das passiert?" Unterhaltsame Aktivitäten anzubieten und Vorschläge zu machen, würde bedeuten, diese wichtigen Stufen des Übergangs zu einem wirklich selbstbestimmten, eigenmotivierten Erwachsensein aufzuschieben.

Woher wißt Ihr, daß das wirklich funktioniert?

Abgänger von Sudbury Valley beweisen seit über 30 Jahren, daß dieses Modell funktioniert. Schüler, die keine Noten, keinen Rang innerhalb der Klasse, und teilweise überhaupt keinen formalen Unterricht haben, werden nach wie vor auf gute Colleges aufgenommen (aufgrund ihrer schriftlichen und persönlichen Vorstellung und, wo nötig, aufgrund ihrer Testergebnisse), sind erfolgreich in ihrer Kurs-Arbeit (oft müssen sie bestimmten Stoff "aufholen", aber sie haben die Kraft und das Selbstvertrauen, dieses leicht zu schaffen), und machen verschiedene interessante Karrieren. Jene, die sich entschieden haben, nicht zum College zu gehen (etwa 20%) sind erfolgreiche Künstler, Handwerker, Händler, Musiker und Geschäftsleute geworden. Weiterhin sind Abgänger von Sudbury Schools sich klar ausdrückende, verantwortungsbewußte, unvoreingenommene Erwachsene, die – da sie ihre Bildung nie als die Verantwortung eines anderen, sondern als ihre eigene angesehen haben – weiter am Leben beteiligt sind und für den Rest ihres Lebens neue Sachen lernen.

zurück zur Texte-Übersicht

zurück zur Homepage