Welchen Unterschied macht es, ob man auf eine Sudbury School
geht?
original von der Fairhaven School ("What Difference Does A Sudbury
Education Make?")
übersetzt von Martin Wilke
Auf unserem Informations-Treffen im März stellte ein skeptischer Vater
eine sehr direkte Frage. Er erklärte, daß er, nachdem er von den Abgängern der Sudbury
Valley School gelesen hat, davon überzeugt ist, daß diese Art von Bildung den Kindern in
ihren zukünftigen akademischen Bestrebungen und ihrer Karriere nicht schaden wird. Aber
wenn es gar keinen Unterschied macht, ob man den einen oder den anderen Weg nimmt, warum
soll man ein Kind dann auf eine Schule vom Sudbury-Typ schicken? Diese Frage ging mir
einige Tage lang nicht aus dem Kopf. Es war so eine gute Gelegenheit gewesen, zu
erklären, warum diese Form von Bildung so wichtig ist, und ich hatte die Gelegenheit
einfach nicht genutzt. Ich würde ihm jetzt gerne nochmal antworten, diesmal mit dem Luxus
von etwas mehr Voraussicht.
Wenn akademische Fähigkeiten und meßbar "erfolgreiche"
Karrieren alles im Leben wären, würde ich mich tatsächlich fragen, ob dieser skeptische
Vater in diesem Punkt Recht hatte. Das Leben ist aber erheblich reicher und komplexer als
G.P.A.s und Gehaltsstufen. Tatsächlich sind die wirklich wichtigen Sachen im Leben nicht
durch irgend welche "objektiven" Standards meßbar. Logisches Denken und
intuitives Verstehen sollen hier als Beispiele ausreichen. Vielleicht können wir für ein
zukünftiges Zusammentreffen ein oder zwei Sudbury-Valley-Abgänger überreden,
herzukommen und uns als Vorzeigeexemplar oder Fallstudie zu dienen, um das, wofür ich
streite, zu unterstützen (oder zu widerlegen).
Kinder, denen Tag ein Tag aus gesagt wird, was sie tun sollen und wie
sie es tun sollen; Kindern, denen selten erlaubt wird, Fehler zu machen; Kinder, die von
früh bis spät mit vorbestimmten Aktivitäten beschäftigt werden; Kinder, die auf
negative Weise hervorgehoben werden, wenn sie nicht perfekt mit dem Durchschnitt Schritt
halten; Kinder, denen beigebracht wird, alles, was sie lernen, prüfen zu lassen und
andere entscheiden zu lassen, ob sie es gelernt haben Diese Kinder unterscheiden
sich normalerweise von Kindern, denen erlaubt wird, Risiken einzugehen, hin und wieder zu
scheitern und es nochmal zu versuchen; von Kindern, die entscheiden dürfen, wofür sie
sich interessieren; denen erlaubt wird, herauszufinden, was sie tun müssen, damit es
geschieht; von Kindern, denen erlaubt wird, Leute zu finden, mit denen sie das tun wollen;
und von Kinder, die für sich selbst entscheiden, wann sie das, was sie wollten, erreicht
haben, und die allgemein ihr Leben in einer Gemeinschaft verbringen, in der sie was zu
sagen haben. Man kann also mit Sicherheit sagen, daß sich Kinder in einer
Sudbury-Modell-Umgebung bestimmte Eigenschaften oder Einstellungen aneignen, besonders,
wenn sie dort mehrere Jahre verbringen.
Ich sehe sechs Qualitäten (und viele andere, damit zusammenhängende,
die ich wünschte, Platz zu diskutieren zu haben), die von Sudbury-Modell-Schulen
wesentlich stärker begünstigt werden als von traditionellen Schulen. Diese zu
identifizieren, ist natürlich eine zu starke Vereinfachung eines komplexen Prozesses,
also entschuldige mich bitte, daß ich diese Kategorien trotzdem verwende.
Selbstachtung: Zu Selbstachtung gelangen Schüler durch eine
Kombination zweier Dinge: Zeit zu haben, sich selbst wirklich kennenzulernen, und dem
eigenen Urteil über ihr Leben zu vertrauen. Selbstachtung entsteht auch dadurch, daß
ihnen selbst Achtung entgegengebracht wird. Diese Qualität hilft, ihr Leben zu
bereichern, indem sie ihnen z.B. erlaubt, ofensiv auf den Zulassungsmenschen am College
zuzugehen oder energisch in einer öffentlichen Anhörung aufzutreten, und auch den Vorrat
an Selbstliebe zu stärken, der nötig ist, um sorgend und respektvoll mit anderen
umzugehen.
Eigenmotivation: Wenn Kinder, das tun, wofür sie sich
interessieren, dann interessieren sie sich wirklich für das, was sie tun. Kleine Kinder
müssen diese Fähigkeit nicht "lernen". Sie ist so natürlich wie Atmen. Aber
ältere Schüler brauchen Zeit, um ihre innere Motivation wiederzuentdecken. Schüler, die
in traditionellen Schulen "erfolglos" waren, sind ausgebrannt. Schüler, die
"erfolgreich" waren, sind von den Belohnungen abhängig geworden, die sie dafür
erhielten, ein "guter Schüler" zu sein. Wenn Menschen eine eigene Motivation
haben, dann können sie die Risiken eingehen, die das Leben lebenswert machen seine
eigenen Sachen machen, Ziele verfolgen, die Herz und Verstand erweitern. Diese Leute
ziehen die Aktivität der Passivität vor. Sie interessieren sich dafür, herauszufinden,
warum andere Menschen gerade so und nicht anders handeln.
Ausdauer: Wenn Du Ausdauer sehen willst, dann sieh Dir an, wie
ein Kind laufen lernt: Zwei Schritte, Hinfallen, wieder Aufstehen, noch drei Schritte,
Hinfallen, Aufstehen ... Um ein Ziel unablässig zu verfolgen, braucht man ununterbrochene
Zeit und Konzentration. An Sudbury Schools können die Schüler Wochen oder Monate damit
verbringen, sich auf ein Thema zu konzentrieren. Musiker improvisieren stundenlang. Ein
paar Jugendliche bauen tagelang an ein und der selben Baustein-Stadt. Kein Klingelzeichen,
das einen zum Aufräumen veranlaßt; keine Mittagspause, die einen unterbricht. Niemand
hat das Recht, die Aktivität eines anderen zu stören. Alle 40 Minuten das Thema oder
Fach zu wechseln, wie es in traditionellen Schulen geschieht, wirkt sich verheerend auf
die Fähigkeit zur Ausdauer aus. Aufgaben, erledigen zu müssen, für die man sich nicht
interessiert, heißt Energie-Sparen zu üben tu nicht mehr, als du tun mußt, um
durchzukommen. Jeder weiß, was Ausdauer am Arbeitsplatz bedeutet. Man könnte auch den
Unterschied nehmen zwischen der Aufforderung, sich eine Reihe 30minütiger TV-Shows
anzugucken (worum auch immer es dabei geht) und der Anziehungskraft, die davon ausgeht,
sich in ein Buch zu vertiefen, in dem es um eine Sache geht, die einen interessiert.
Persönliche Verantwortung: Verantwortung und Freiheit sind zwei
Seiten einer Medaille. Wenn Kindern nicht erlaubt wird, echte Entscheidungen über ihr
eigenes Leben zu treffen, können sie keine persönliche Verantwortung lernen. Wenn
Johnnys Fisch stirbt, weil er vergißt, ihn zu füttern, oder Susi gefeuert wird, weil sie
ständig zu spät kommt, ist dies eine unschätzbare Lektion in Sachen Verantwortung.
Unsere Gesellschaft neigt dazu, Kinder vor den Gefahren zu schützen, denen sie ausgesetzt
sind, wenn sie hoch klettern, vor dem kalten Wetter, dem sie ausgesetzt sind, wenn sie
ihre Jacke vergessen, vor den Fehlern, die sie bei der Vorbereitung aufs College machen
können. Unser Beschützertum verdeutlicht ihnen immer wieder, daß sie nicht für sich
selbst verantwortlich sind, daß sie es nicht sein müssen, weil jemand anders es ist.
Wenn verantwortungsbewußte Schüler aufwachsen, erfinden sie keine Ausreden für ihr
Verhalten. Sie wissen, daß sie für ihr eigenes Leben geradestehen müssen. Sie sind
keine Opfer oder unfreiwilligen Teilnehmer. Sie wählen ihren Weg und sind darauf
vorbereitet, ihn zu Ende zu verfolgen und die Verantwortung zu übernehmen, wenn sie
scheitern.
Kreativität: Kreativität findet an Sudbury-Modell-Schulen in
allen Bereichen des Schullebens statt. Schüler der Fairhaven School werden sich bei allem
notwendigerweise auf ihre eigene Kreativität verlassen, angefangen beim Bauen einer
Brücke über den Fluß, über das Beschaffen von Geld für einen Camcorder, bishin zu
einem geeigneten Vorschlag im Justizkomitee als Konsequenz für Spitball Warfare*. In
diesen Tagen werden eine Menge Lippenbekenntnise zur Bedeutung von Kreativität abgegeben.
Und sie haben ja auch Recht. Das 21. Jahrhundert wird voll von Herausforderungen sein, auf
welche die alten Lösungen keine befriedigende Antwort sein werden. Die Fähigkeiten, die
von einem Arbeiter im 21. Jahrhundert verlangt werden, unterscheiden sich deutlich von
denen unserer Generation. Die menschliche Kreativität und Flexibilität werden
Grunderfordernisse des Überlebens sein.
Kompetenz: Diese Charakterisierung von Leuten von
Sudbury-Modell-Schulen ist vielleicht nicht ganz richtig so. Eigentlich ist es eine
Mischung aus Selbstvertrauen, Kreativität und Ausdauer. Aber mit der Zeit werden Leute,
die ständig Herz, Hand und Verstand benutzen, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen,
ziemlich gut darin. Sich selbst unterrichten zu können, ist eine Fertigkeit und
mit Praxis wird sie besser. Wenn Sudbury-Schüler einem konkreten Stück Wissen nachgehen,
dann fragen sie jeden, von dem sie glauben, er könnte ihnen helfen, suchen im Internet,
lesen, spielen nervös mit irgendwelchen Kleinteilen herum und kritzeln bedeutungslose
Sachen und denken nach; sie versuchen es und scheitern und versuchen es noch einmal ...
Sie finden den für sie besten Weg heraus, Informationen zu erfassen und Fähigkeiten zu
erwerben. Sie wissen, in welchem Tempo sie am besten vorankommen und sie wissen auch, wann
sie genug genug gelernt haben.
Wenn wir all diese Qualitäten und Eigenschaften vereinen, können wir
uns z.B. einen sudbury-gebildeten Automechaniker vorstellen. Er hat die Selbstachtung,
daß er weiß, daß er eine schwierige Aufgabe anpacken kann, und daß er seine Kunden mit
Würde behandelt; er hat die Verantwortung, daß er seinen Job richtig macht, die
Motivation, in dem Bereich weiter zu arbeiten, die Kreativität, ein kompliziertes
Maschinen-Problem zu durchdenken und neue Sichtweise auszuprobieren, die Ausdauer, daran
weiterzuarbeiten, bis er es hingekriegt hat und die Kompetenz zu wissen, wie er Hilfe
bekommt, wenn er sie braucht, und auch die Kompetenz, die richtigen Fragen zu stellen und
mit den Antworten etwas anfangen zu können. Und auch zuhause führt er ein Leben, in dem
er sich für seine Umgebung interessiert, sorgend und achtend in seinen Beziehungen mit
Familie und Freunden ist, und in dem er zuhause und in der Gesellschaft Verantwortung für
seine Handlungen übernimmt ... Gehe ich hier zu weit? Vielleicht. Aber Fairhaven School
kriegt es besser als jede traditionelle Schule hin, diese Qualitäten der Schüler
aufrecht zu erhalten und zu stärken. Und die Erfahrung, in einer Gemeinschaft zu sein, in
der diese Qualitäten wirklich etwas wert sind, bereichert das Leben von Fairhaven
Schülern noch lange nachdem sie die Schule verlassen haben.
* Spitball Warfare ist eine vielen wohlbekannte Sache, die sich aber leider nicht auf
Deutsch übersetzen läßt: gut durchgekautes Papier zu einer kleinen Kugel rollen und sie
auf andere Leute schnipsen bzw. durch einen Strohhalm pusten.
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